"Wo ist denn Jenny?" unsere Blicke schweiften über die festlich geschmückten Tische im Father`s House an denen alle Kinder fröhlich versammelt waren, aber Jenny war spurlos verschwunden. Gerade noch hatten wir Weihnachtslieder gesungen und den Höhepunkt des Heiligen Abends gehabt: DIE BESCHERUNG! Der Weihnachtsmann hatte sich mal wieder etwas besonderes ausgedacht und war mit einem Mottorrad und Beiwagen, bunte Seifenblasen versprühend herein gerauscht. Begeisterung pur unter den KIndern! Aus einem grossen, goldenen Buch las er alle Namen von Kindern und Mitarbeitern vor und hatte natürlich nur Gutes zu sagen. Nach einer tüchtigen Portion Lob, gab es dann ein Geschenk.
Jenny war erst seit wenigen Tagen im Father`s House und für sie war alles wie ein Traum. Vom Schlafen auf einem Pappkarton am Strassenrand, wo man außer den Klamotten am Leib nichts besitzt, ständig der Hunger im Bauch quält und üble Pöbeleien an der Tagesordnung sind zu einer Weihnachtsfesttafel mit fein gedeckten Tischen und wunderschön verpackten Geschenken! Was für ein Kontrast!
Ich hielt Ausschau nach ihr und fand sie schließlich im Mädchenzimmer auf dem Boden sitzend und weinend. Zuerst dachte ich, es hätte sie jemand geärgert und ich hockte mich tröstend neben sie. Jenny hielt mir ein schönes Haarband entgegen, das sie gerade vom "Weihnachtsmann" geschenkt bekommen hatte. Ihr rollten die Tränen die kleinen Wangen herunter als sie mir ihr Geschenk weiterschenkte. Ich nahm das Haarband zunächst mal dankend an und verstand, dass sie einfach mit dem plätzlichen Überangebot an Essen, Aufmerksamkeit und Geschenken emotional nicht zurecht kam. Ich nahm sie in den Arm und gemeinsam gingen wir zum Rest der Truppe zurück, um den Nachtisch zu geniessen (das Haarband konnte ich ihr später wieder zurück schenken).
Mittlerweile ist Jenny fast ein Jahr bei uns. Sie geht mit ihren 11 Jahren begeistert in die zweite Klasse und liebt das Leben im Father`s House. In Kürze wird sie ihr zweites Weihnachtsfest bei uns erleben und wir freuen uns alle darauf. Es sind in diesem Jahr einige neue Kinder da, die bei uns das erste mal in ihrem Leben Weihnachten feiern werden.
