Das Kommen und Gehen gehört in unserer Arbeit mit dazu und doch gewöhne ich mich nicht wirklich daran. Wenn Erwachsene Entscheidungen treffen, dann können sie doch (oder sollten es?) meistens die Konsequenzen der getroffenen Entscheidung etwas abschätzen. Bei Kindern sieht die Sache schon ganz anders aus und doch haben auch ihre Entscheidungen mitunter fürchterliche Konsequenzen. Meine Gedanken wandern zu einem kleinen Mädchen, das uns allen sehr ans Herz gewachsen war. Vor einigen Jahren wurde sie von einer Passantin zu uns ins Father`s House gebracht, weil sie sich seit einiger Zeit allein unter einer Brücke herumtrieb. Die Kleine war sehr wild und unbändig, war aber begeistert bei uns zu bleiben. Wir fanden schnell heraus, dass sie vermutlich noch nie an einem Tisch gegessen oder in einem richtigen Bett geschlafen hatte.

Das Stillsitzen war fast unmöglich und es dauerte nicht lange bis sie sich mit sämtlichen anderen Kindern im Father`s House angelegt hatte. Sie war es überhaupt nicht gewöhnt, sich an Regeln zu halten oder in irgendeiner Weise Rücksicht zu nehmen. Sie erinnerte uns an ein kleines wildes Pony, das schwer zu bändigen war. Und doch, nach einigen Monaten sahen wir Veränderung in ihrem Gesicht und in ihrem Verhalten. Unser kleiner Wildfang entpuppte sich zum Sonnenschein unserer Father`s House Familie. Mann musste sie einfach gern haben. Ihr Lachen war ansteckend.
Das Lernen fiel ihr schwer, aber es war begeisternd zu sehen, wie sie Fortschritte machte. Nach und nach fanden wir heraus, woher unser Sonnenschein kam und warum sie auf der straße gelandet war. Ihre Eltern waren getrennt und hatten jeweils wieder neue Familien. Die Zahl ihrer Geschwister und Halbgeschwister war schwer zu zählen. Einige galten als "verloren", einer wurde im Ausland adoptiert, andere waren gestorben. Die Mutter erschien uns völlig überfordert mit der Fürsorge für ihre unzähligen Kinder, dennoch waren wir froh als wir sie endlich ausfindig machen könnten. Regelmäßige Besuche folgten und die Not der Familie lastete schwer auf dem Wildfang. Das ist eine Herausforderung, die wir immer und immer wieder haben, dass es nicht ausreicht, einem Kind zu helfen. Es sind ganze Familien in Not und Lösungen für die oftmals verworrenen Probleme gibt es nicht als Patentrezept in der Tasche. So auch bei unserer Kleinen. Sie vermisste ihre Geschwister und entschied sich nachdem sie drei Jahre bei uns gelebt hatte, zurück zu ihrer Mutter und ihrem neuen Lebensgefährten zu gehen. Uns brach das Herz, weil wir nichts Gutes ahnten. Alle Versuche, sie zum Bleiben zu bewegen schlugen Fehl. Dazu kamen Konflikte mit anderen Kindern in unserem Haus, das der Entschluss zu gehen fest wurde. Sie wartete bis meine Familie und ich von einem Deutschlandurlaub im letzten Jahr, zurück kamen, um mir persönlich "Tschüss!" zu sagen. Alles Gutzureden nützte nix. Sie wusste, was sie wollte. Wir respektieren jede Entscheidung von älteren Kindern und bemühen uns die Beziehungen nicht zu verlieren. Das wilde Pony verliess uns und es dauerte nicht lange bis ihre Mutter verzweifelt anrief: " Ist meine Tochter bei euch? Sie kam von der Schule nicht nach Hause und hat ihre zwei kleinen Brüder dabei." Sie waren spurlos verschwunden.
