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Mittwoch, 31. März 2010

Durchbruch zum Leben

"Marvin ist tot!" rief mir die Mutter schon von weitem an der Straßenkreuzung zu. Das Kleinkind, das sie sonst immer um sich hatte, war nirgends zu sehen. Das Kind hatte es mir angetan,weil mich sein süsses Lachen faszinierte.



Oft nahm ich ihn auf den Arm und betete im Stillen oder spielte mit ihm. Etwas ungläubig suchten meine Augen die Gegend unter der Brücke nach dem kleinen schmutzigen Kerlchen ab. Die Mutter kam näher und alles, was ich heraus brachte war:" jetzt beruhig dich mal. Was sagst du denn da? Ich habe ihn doch vor kurzem noch gesehen." "Er ist tot! Ich brauche nun dringend Geld, damit wir ihn beerdigen können," erwiderte die Frau nur nüchtern. Marvin hatte seit Tagen Durchfall gehabt und war viel zu spät ins Krankenhaus gebracht worden. Innerhalb weniger Tage starb er, woran genau, konnte uns niemand sagen. Vielleicht war er dehydriert, was hier in der Hitze bei kleinen Kindern schnell gefährlich ist. Andere sprachen von Meningitis. Was auch immer er hatte, der Fakt war, dass Marvin innerhalb kürzester Zeit, den Lebenskampf aufgegeben hatte. Das ist heute ca. 14 Jahre her und in dieser Zeit haben wir noch viele Kinder beerdigen müssen, die unter anderen Umständen hätten nicht sterben müssen. Ob es fehlende Medikamente, grobe Vernachlässigungen, Autounfälle oder auch tückische Krankheiten waren, die den KIndern das Leben raubten. Hinter allem steckte das hässliche Gesicht des Bösen! Manches mal waren wir richtiggehend verärgert, weil wir nicht mehr Geld in Beerdigungen investieren wollten, sondern in das LEBEN! Doch was macht man, wenn die verzweifelte Verwandschaft nicht weiss, wie sie die Bestattungsinstitute bezahlen sollen.
Marvin`s Tod war der erste, der mir so richtig an die Nieren ging und ich erfasste, dass er sein Leben viel zu früh aufgegeben mußte. Etwa ein Jahr später wurde Marvins Mutter erneut schwanger. In mir regte sich fast so etwas wie Ablehnung gegen das neue Kind. Mir kam das Leben so billig vor und gleichzeitig schämte ich mich für meine Gefühle als das neue Baby geboren wurde. Es kam wie es vorherzusehen war: auch der "neue" Kleine wuchs auf der Straße auf. Über viele Jahre hinweg begleiteten wir die gesamte Familie durch Höhen und Tiefen. Immer wieder nahmen wir Marvins größere Geschwister im Father`s House auf. Manche hauten wieder ab, zeugten selbst wieder KInder u.s.w. Ein Kreislauf, der nicht enden wollte. In der Zwischenzeit starb der Vater der Kids im Suff und alles wurde noch verheerender. Die Mädchen entwickelten sich zu Prostituierten und die Jungs hingen an der Klebeflasche. Die Mutter war zu nichts in der Lage. War sie doch selbst vor vielen Jahren auf der Straße aufgewachsen und als junger Teenager das erste Mal schwanger geworden. Dann, vor knapp zwei Jahren kam die Wende. Zuerst fand ein Bruder von Marvin´, den Weg zu Gott zurück, kehrte um und holt bei uns im Father`s House seinen Schulabschluss nach. Dann war ein weiterer Bruder überzeugt, eine Drogenreha in unserem dem Set Free Center, zu machen. Er ist nun fast fertig mit dem Programm und hat sein Leben zurück bekommen.



Eine ganz große Freude macht uns aber "das Baby", das ein Jahr nach Marvins Tod geboren wurde. Er lebt seit einigen Monaten mit uns im Father`s House und strotzt vor Lebensfreude. Nach der Aussage meiner Tochter, die manchmal im Father`s House aushilft, ist er der respektvollste Junge, den sie kennt. Ich muß ihr Recht geben. Man merkt ihm kein Straßengerüpel mehr an. Was für ein Wunder. Danke Vater für deine Liebe, die niemals aufhört und durch jedes dunkle Tal führt. Am Ende siegt die Auferstehung!