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Samstag, 8. Januar 2011

Y2K


ES war vor der spektakulären Jahreswende zum Jahr 2000. Alle sprachen von Y2K und der großen, weltweit auf uns zukommenen Katastrophe. Wir befanden uns als Familie in Deutschland und es war noch nicht sicher, wann oder sogar ob wir auf die Philippinen zurückreisen könnten. Es ging uns nicht besonders gut. Neben einiger gesundheitlichen Schwierigkeiten, hatten Thomas und ich emotional zu kämpfen. Das Leben in der einst vertrauten Heimat fühlte sich fremd an.
An Silvester war "WORSHIP 2000" (eine Anbetungskonferenz mit vielen bekannten Anbetungsleitern) in Karlsruhe von unserer Gemeinschaft geplant und organisiert. Wir bekamen u.a. die Aufgabe einen neuen Infostand für unsere Missionsarbeit von HELP International zu erstellen. Dazu bekamen wir verschiedene Materialien und Fotos zur Verfügung gestellt. Mit Elan und Ideen machten wir uns ans Werk. Plötzlich hielt ich ein Poster in den Händen und musste erstmal tief Luft holen. Das war doch Nina! Ich kannte das darauf abgebildete Kind gut von unseren Einsätzen auf der Straße. Ihre dunklen, traurigen Augen starrten mich von dem Poster an. Ich konnte förmlich den süßlichen Schweißgeruch, vermischt mit Straßendreck und Kot riechen. Ihr Gesicht war verschmiert von Dreck und Tränen. Ein wirklich eindrückliches Poster, das wir für den neuen Infostand von HELP für die Konferenz in Karlsruhe benutzten. Das Bild von dem schmutzigen, traurigen Mädchen bekam einige Aufmerksamkeit von Konferenzteilnehmern. Viele interessierten sich für die Straßenkinderarbeit auf den Philippinen und dieses Interesse erleben wir bis heute. Dafür sind wir sehr dankbar, weil die viele Unterstützung von einzelnen, unsere Arbeit erst möglich macht.
Heute sitze ich Nina gegenüber (wir konnten Mitte 2000 als Familie wieder nach Manila gehen)und mir fällt das Poster von damals ein! Es sind elf Jahre vergangen seit das Foto von dem kleinen Mädchen geschossen und zu einem Poster für den Infostand verwendet wurde. Mir sitzt eine junge, hübsche Dame gegenüber. Doch in ihren Augen entdecke ich immer noch die gleiche Traurigkeit. Zu viel ist in ihrem Leben passiert, das ihren Blick verdüstert hat. Sie wuchs ohne Vater, als jüngste von vielen Geschwistern, unter einer Brücke auf. Sie lebten vom Betteln. Ihre Mutter war durch fortgeschrittene Lungentuberkulose stark geschwächt. Wir begleiten die Familie seit Jahren und verhalfen der Frau zu etlichen Behandlungsversuchen. Sie brach die medikamentöse Behandlung immer wieder ab und wurde schwächer und schwächer. Die beste Medizin nützt nix, wenn sie nicht genommen wird. Ihre Kinder nahmen wir alle im Father's House auf und schickten sie zur Schule. In aller Schwäche und Starrköpfigkeit holte die kranke Mutter die Kinder wieder zu sich. Dann kam in 2009 der Tropensturm "Ketsana" und spülte das wenige Hab und Gut der vaterlosen Familie weg. Das war nun endgültig zu viel für den Körper der schwachen Frau. Sie verstarb noch bevor Manila vom Schlamm befreit wurde. Die verwaisten Teenager wandten sich gleich an uns, um Hlfe zu bekommen. 2 der älteren Geschwister, die auch ehemaligen Father's House Kinder waren, hatten bereits eigene KInder. Wir halfen ihnen bei der Beerdigung ihrer Mutter. Der Sarg der Frau war auf einem Schlammhaufen, unter einer Plastikplane aufgebahrt. Ich rutschte mit meinen Gummilatschen durch knöchelhohen, roten Schlamm, durch strömenden Regen, um den Sarg der Mutter zu erreichen. Was für ein Elend. Thomas und mir fehlten die Worte.
Durch extra Spenden aus Deutschland war es uns möglich, den Geschwistern ein neues Haus zu bauen. Sie wollten in dieser schweren Zeit als Geschwister zusammen bleiben. Das wollten wir natürlich unterstützen und halfen mit Lebensmitteln und Schulmaterial.
Und jetzt? Jetzt sitzt mir Nina wieder einmal mit Tränen in den Augen gegenüber. Die Illusion der Geschwiserliebe zerplatzte. Dinge funktionierten bei weitem nicht so wie es geplant und hätten sein können. Peng! Luftblase zerplatzt! Trauer und Wut spricht aus dem Gesicht des so hübschen Mädchen. Ich halte ihre feine Hand und weiß dennoch, dass Gott ALLES gut machen wird. Sie lebt nun bei uns und ist überaus dankbar.