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Freitag, 14. Januar 2011

Sechs professionelle Berufe und kein Schulabschluss!


Normalerweise ändere ich die Namen und auch die Fotos in meinem Blog, um die Privatsphäre der Kinder, über die ich schreibe, zu scützen. Es gibt allerdings Ausnahmen, wenn es wirklich relevant ist, die authentischen Bilder zu zeigen und bekannt zu machen " wen" ich meine. Dies ist so ein Fall. Es geht um einen unserer treusten und wertvollsten Mitarbeiter im Father's House: JayAr Guevarra!
Ich sitze in unserem Familienabend, wo wir jeden 2. Freitag im Monat in unserer Reha zusammenkommen, um Gottesdienst zu feiern. JR nimmt das Mikrophone und erzählt, was er in der Woche mit Gott erlebt hat: "Ich hatte so viel Scham in meinem Leben, wegen der vielen Dinge, die ich in meiner Kindheit erlebt habe. Sogar heute noch fällt es mir manchmal schwer, Leuten in ie Augen zu schauen. Ich fühle mich oft so minderwertig. Das ist schrecklich. Dann ist Gott mir in dieser Woche neu im Gebet begegnet und ich merke, dass etwas anders ist. JESUS bedeckt meine Scham und hat alles neu gemacht!"
Ich kann es so gut nachvollziehen, wovon JR erzählt, denn ich kenne ihn, seit er ein kleiner Jugne war.


Mit einem kleinen Kinderprogramm und jede Menge Essen bewaffnet gingen wir Anfang der 90er Jahre regelmäßig an eine Straßenkreuzung, um Straßenkinder zu erreichen. Es war eine wahnsinns Herausforderung gegen den Straßenlärm anzureden und zu singen:) Ich war jedesmal heiser nach diesen Nachmittagen auf der Straße, weil ich mir die Kehle aus dem Hals schreien mußte. Natürlich waren die Kinder es auch nicht gewöhnt zuzuhören und wir mußten uns immer etwas einfallen lassen, die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Gruppe zu nutzen.

So ein paar Straßenjungs konnten den Laden ganz schön aufmischen mit blöden Bemerkungen und Zwischenrufen. JR war oft mit vorne an. Sein breites Grinsen liessen seine Augen immer verschwinden und er hatte den Schalk im Nacken. Wenn JR kam, wußten wir schon "uups, heute wirds wieder anstrengend!"
Er war auf der Strße groß geworden. Seinen Vater hat er nie gekannt und sein so genannter Stiefvater ließ ihn scharf spüren, dass er nicht sein Sohn war. Harte Prügel waren an der Tagesordnung. ES war unmöglich für JR zur Schule zu gehen. Niemand kümmerte sich um ihn. Er schlief auf dem Bürgersteig und beschaffte Geld für seine Familie und für sein eigenes Überleben. Dass er nicht Lesen und Schreiben konnte versteckte er gekonnt hinter seiner frechen Art. Tief im Innern war er zerstört von Scham und Minderwertigkeit.
Sein Stiefvater war hochgradig krimminell. Als er im Suff jemanden umbringt, muss sich die ganze Familie vor der Polizei verstecken. JR ging seinen eigenen WEg mit seinen Straßenfreunden. Wir verloren den Kontakt zu den Jungs für etwa fünf Jahre. Plötzlich tauchte JR erneut in einem unerer Treffen auf. Mittlerweile hatten wir ein kleines Ladenlokal gemietet, um uns nicht mehr mitten auf der Straße versammeln zu müssen. Zusammen mit einem Freund tauchte er wieder regelmäßig auf. Etwas war anders. Er wirkte still und zerbrochen. Er brachte es kaum fertig, einen Satz mit mir zu wechseln. Sein Blick war fast nur nach unten gerichtet. Wir beschlossen in 2001, ihn bei uns, im neu entstandenen Father's House, wohnen zu lassen.
Jr war mittlerweile 17 Jahre alt und konnte immer noch nicht Lesen und Schreiben.

Sehr motiviert machte er sich daran das ABC zu lernen und besuchte eine alternative Schule, um seinen Grundschulabschluss nachzuholen. Er brachte sich selbst das Gitarrespielen bei, benutzte unsere Bongos gekonnt in Anbetungszeiten und präsentierte zusammen mit den anderen Jugendlichen öfter hervorragende Interpretationstänze in unseren Gottesdiensten. Seine musikalische Begabung war unübesehbar. Als nächstes fing er an, alte Elektrogeräte zu reparieren. Was auch immer er im praktischen Bereich in die Hand nahm gelang. JR lernte praktisch von den Handwerkern, die wir ab und zu im Haus hatten.
Dann verliebte er sich in ein Mädchen, das wir auch im Father's House aufgenommen hatten. Bevor wir auch nur ein paar Richtlinnien für eine Beziehung geben konnten, sassen die zwei in unserem Wohnzimmer. Der berühmten Bodenstarrblick erfasste die beiden Teenager und peinliche Stille. "Sorry, Beth ist schwanger!" stammelten JayAr. Das war ne Nuss zu knacken. Thomas und mir viel erstmal nix mehr ein. Damit hatten wir nicht gerechnet. Beide waren von Herzen zerbrochen über "den Ausrutscher" und baten um Vergebung mit der Annahme, dass wir sie nun rausschmeissen würden. Das taten wir nicht, sondern wir suchten gemeinsam nach einen Weg in der Siuation. Das Paar war entschlossen zusammen zu bleiben und von nun an, Rat bei uns zu suchen. Nach einigen Wohen entschieden sie sich zu heiraten. Es war ein schönes internes Hochzeitsfest in unserer HELP Gemeinschaft. Sie bekamen ein niedlichs Mädchen zur Tochter. Es bestätigte sich, dass in JayAr's und Lilibeth's Fall, ihre Ehe sie in ihrem persönlichen Wachstum stärkte (das ist ja bei weitem nicht immer so....manche Paare neutralisieren sich nach der Hochzeit anstatt ihr Potential zu verdoppeln! Aber das ist ein anderes Thema). Auch wenn sie einen steilen Start hatten, so schien es, dass die Verantwortung für das Kind beide hat stärker werden lassen. Ein paar Jahre liessen wir die beiden als Voluteers bei uns mitarbeiten und sie bewährten sich im Alltag als treu und zuverlässig. Mittlerweile sind sie wichtige Mitarbeiter im Father's House und haben zu ihrer süßen Tochter noch einen Sohn dazu bekommen.

JayAr arbeitet als Hausmeister im Father's House und repariert ALLES mit NICHTS. Er ist ein Vorbild für die vielen Jungs, die mit uns leben und ein Vater wie man ihn sich nur wünschen kann. Beide gehen mit uns auf die Straße,um Straßenkindern von der befreienden und verändernden Liebe Gottes zu erzählen. Wer kann das besser rüber bringen als zwei so tolle Leute, die gerade das erlebt haben: BEI GOTT IST NICHTS UNMÖGLICH!

Samstag, 8. Januar 2011

Y2K


ES war vor der spektakulären Jahreswende zum Jahr 2000. Alle sprachen von Y2K und der großen, weltweit auf uns zukommenen Katastrophe. Wir befanden uns als Familie in Deutschland und es war noch nicht sicher, wann oder sogar ob wir auf die Philippinen zurückreisen könnten. Es ging uns nicht besonders gut. Neben einiger gesundheitlichen Schwierigkeiten, hatten Thomas und ich emotional zu kämpfen. Das Leben in der einst vertrauten Heimat fühlte sich fremd an.
An Silvester war "WORSHIP 2000" (eine Anbetungskonferenz mit vielen bekannten Anbetungsleitern) in Karlsruhe von unserer Gemeinschaft geplant und organisiert. Wir bekamen u.a. die Aufgabe einen neuen Infostand für unsere Missionsarbeit von HELP International zu erstellen. Dazu bekamen wir verschiedene Materialien und Fotos zur Verfügung gestellt. Mit Elan und Ideen machten wir uns ans Werk. Plötzlich hielt ich ein Poster in den Händen und musste erstmal tief Luft holen. Das war doch Nina! Ich kannte das darauf abgebildete Kind gut von unseren Einsätzen auf der Straße. Ihre dunklen, traurigen Augen starrten mich von dem Poster an. Ich konnte förmlich den süßlichen Schweißgeruch, vermischt mit Straßendreck und Kot riechen. Ihr Gesicht war verschmiert von Dreck und Tränen. Ein wirklich eindrückliches Poster, das wir für den neuen Infostand von HELP für die Konferenz in Karlsruhe benutzten. Das Bild von dem schmutzigen, traurigen Mädchen bekam einige Aufmerksamkeit von Konferenzteilnehmern. Viele interessierten sich für die Straßenkinderarbeit auf den Philippinen und dieses Interesse erleben wir bis heute. Dafür sind wir sehr dankbar, weil die viele Unterstützung von einzelnen, unsere Arbeit erst möglich macht.
Heute sitze ich Nina gegenüber (wir konnten Mitte 2000 als Familie wieder nach Manila gehen)und mir fällt das Poster von damals ein! Es sind elf Jahre vergangen seit das Foto von dem kleinen Mädchen geschossen und zu einem Poster für den Infostand verwendet wurde. Mir sitzt eine junge, hübsche Dame gegenüber. Doch in ihren Augen entdecke ich immer noch die gleiche Traurigkeit. Zu viel ist in ihrem Leben passiert, das ihren Blick verdüstert hat. Sie wuchs ohne Vater, als jüngste von vielen Geschwistern, unter einer Brücke auf. Sie lebten vom Betteln. Ihre Mutter war durch fortgeschrittene Lungentuberkulose stark geschwächt. Wir begleiten die Familie seit Jahren und verhalfen der Frau zu etlichen Behandlungsversuchen. Sie brach die medikamentöse Behandlung immer wieder ab und wurde schwächer und schwächer. Die beste Medizin nützt nix, wenn sie nicht genommen wird. Ihre Kinder nahmen wir alle im Father's House auf und schickten sie zur Schule. In aller Schwäche und Starrköpfigkeit holte die kranke Mutter die Kinder wieder zu sich. Dann kam in 2009 der Tropensturm "Ketsana" und spülte das wenige Hab und Gut der vaterlosen Familie weg. Das war nun endgültig zu viel für den Körper der schwachen Frau. Sie verstarb noch bevor Manila vom Schlamm befreit wurde. Die verwaisten Teenager wandten sich gleich an uns, um Hlfe zu bekommen. 2 der älteren Geschwister, die auch ehemaligen Father's House Kinder waren, hatten bereits eigene KInder. Wir halfen ihnen bei der Beerdigung ihrer Mutter. Der Sarg der Frau war auf einem Schlammhaufen, unter einer Plastikplane aufgebahrt. Ich rutschte mit meinen Gummilatschen durch knöchelhohen, roten Schlamm, durch strömenden Regen, um den Sarg der Mutter zu erreichen. Was für ein Elend. Thomas und mir fehlten die Worte.
Durch extra Spenden aus Deutschland war es uns möglich, den Geschwistern ein neues Haus zu bauen. Sie wollten in dieser schweren Zeit als Geschwister zusammen bleiben. Das wollten wir natürlich unterstützen und halfen mit Lebensmitteln und Schulmaterial.
Und jetzt? Jetzt sitzt mir Nina wieder einmal mit Tränen in den Augen gegenüber. Die Illusion der Geschwiserliebe zerplatzte. Dinge funktionierten bei weitem nicht so wie es geplant und hätten sein können. Peng! Luftblase zerplatzt! Trauer und Wut spricht aus dem Gesicht des so hübschen Mädchen. Ich halte ihre feine Hand und weiß dennoch, dass Gott ALLES gut machen wird. Sie lebt nun bei uns und ist überaus dankbar.

Dienstag, 4. Januar 2011