Normalerweise ändere ich die Namen und auch die Fotos in meinem Blog, um die Privatsphäre der Kinder, über die ich schreibe, zu scützen. Es gibt allerdings Ausnahmen, wenn es wirklich relevant ist, die authentischen Bilder zu zeigen und bekannt zu machen " wen" ich meine. Dies ist so ein Fall. Es geht um einen unserer treusten und wertvollsten Mitarbeiter im Father's House: JayAr Guevarra!
Ich sitze in unserem Familienabend, wo wir jeden 2. Freitag im Monat in unserer Reha zusammenkommen, um Gottesdienst zu feiern. JR nimmt das Mikrophone und erzählt, was er in der Woche mit Gott erlebt hat: "Ich hatte so viel Scham in meinem Leben, wegen der vielen Dinge, die ich in meiner Kindheit erlebt habe. Sogar heute noch fällt es mir manchmal schwer, Leuten in ie Augen zu schauen. Ich fühle mich oft so minderwertig. Das ist schrecklich. Dann ist Gott mir in dieser Woche neu im Gebet begegnet und ich merke, dass etwas anders ist. JESUS bedeckt meine Scham und hat alles neu gemacht!"
Ich kann es so gut nachvollziehen, wovon JR erzählt, denn ich kenne ihn, seit er ein kleiner Jugne war.

Mit einem kleinen Kinderprogramm und jede Menge Essen bewaffnet gingen wir Anfang der 90er Jahre regelmäßig an eine Straßenkreuzung, um Straßenkinder zu erreichen. Es war eine wahnsinns Herausforderung gegen den Straßenlärm anzureden und zu singen:) Ich war jedesmal heiser nach diesen Nachmittagen auf der Straße, weil ich mir die Kehle aus dem Hals schreien mußte. Natürlich waren die Kinder es auch nicht gewöhnt zuzuhören und wir mußten uns immer etwas einfallen lassen, die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Gruppe zu nutzen.

So ein paar Straßenjungs konnten den Laden ganz schön aufmischen mit blöden Bemerkungen und Zwischenrufen. JR war oft mit vorne an. Sein breites Grinsen liessen seine Augen immer verschwinden und er hatte den Schalk im Nacken. Wenn JR kam, wußten wir schon "uups, heute wirds wieder anstrengend!"
Er war auf der Strße groß geworden. Seinen Vater hat er nie gekannt und sein so genannter Stiefvater ließ ihn scharf spüren, dass er nicht sein Sohn war. Harte Prügel waren an der Tagesordnung. ES war unmöglich für JR zur Schule zu gehen. Niemand kümmerte sich um ihn. Er schlief auf dem Bürgersteig und beschaffte Geld für seine Familie und für sein eigenes Überleben. Dass er nicht Lesen und Schreiben konnte versteckte er gekonnt hinter seiner frechen Art. Tief im Innern war er zerstört von Scham und Minderwertigkeit.
Sein Stiefvater war hochgradig krimminell. Als er im Suff jemanden umbringt, muss sich die ganze Familie vor der Polizei verstecken. JR ging seinen eigenen WEg mit seinen Straßenfreunden. Wir verloren den Kontakt zu den Jungs für etwa fünf Jahre. Plötzlich tauchte JR erneut in einem unerer Treffen auf. Mittlerweile hatten wir ein kleines Ladenlokal gemietet, um uns nicht mehr mitten auf der Straße versammeln zu müssen. Zusammen mit einem Freund tauchte er wieder regelmäßig auf. Etwas war anders. Er wirkte still und zerbrochen. Er brachte es kaum fertig, einen Satz mit mir zu wechseln. Sein Blick war fast nur nach unten gerichtet. Wir beschlossen in 2001, ihn bei uns, im neu entstandenen Father's House, wohnen zu lassen.
Jr war mittlerweile 17 Jahre alt und konnte immer noch nicht Lesen und Schreiben.

Sehr motiviert machte er sich daran das ABC zu lernen und besuchte eine alternative Schule, um seinen Grundschulabschluss nachzuholen. Er brachte sich selbst das Gitarrespielen bei, benutzte unsere Bongos gekonnt in Anbetungszeiten und präsentierte zusammen mit den anderen Jugendlichen öfter hervorragende Interpretationstänze in unseren Gottesdiensten. Seine musikalische Begabung war unübesehbar. Als nächstes fing er an, alte Elektrogeräte zu reparieren. Was auch immer er im praktischen Bereich in die Hand nahm gelang. JR lernte praktisch von den Handwerkern, die wir ab und zu im Haus hatten.
Dann verliebte er sich in ein Mädchen, das wir auch im Father's House aufgenommen hatten. Bevor wir auch nur ein paar Richtlinnien für eine Beziehung geben konnten, sassen die zwei in unserem Wohnzimmer. Der berühmten Bodenstarrblick erfasste die beiden Teenager und peinliche Stille. "Sorry, Beth ist schwanger!" stammelten JayAr. Das war ne Nuss zu knacken. Thomas und mir viel erstmal nix mehr ein. Damit hatten wir nicht gerechnet. Beide waren von Herzen zerbrochen über "den Ausrutscher" und baten um Vergebung mit der Annahme, dass wir sie nun rausschmeissen würden. Das taten wir nicht, sondern wir suchten gemeinsam nach einen Weg in der Siuation. Das Paar war entschlossen zusammen zu bleiben und von nun an, Rat bei uns zu suchen. Nach einigen Wohen entschieden sie sich zu heiraten. Es war ein schönes internes Hochzeitsfest in unserer HELP Gemeinschaft. Sie bekamen ein niedlichs Mädchen zur Tochter. Es bestätigte sich, dass in JayAr's und Lilibeth's Fall, ihre Ehe sie in ihrem persönlichen Wachstum stärkte (das ist ja bei weitem nicht immer so....manche Paare neutralisieren sich nach der Hochzeit anstatt ihr Potential zu verdoppeln! Aber das ist ein anderes Thema). Auch wenn sie einen steilen Start hatten, so schien es, dass die Verantwortung für das Kind beide hat stärker werden lassen. Ein paar Jahre liessen wir die beiden als Voluteers bei uns mitarbeiten und sie bewährten sich im Alltag als treu und zuverlässig. Mittlerweile sind sie wichtige Mitarbeiter im Father's House und haben zu ihrer süßen Tochter noch einen Sohn dazu bekommen.

JayAr arbeitet als Hausmeister im Father's House und repariert ALLES mit NICHTS. Er ist ein Vorbild für die vielen Jungs, die mit uns leben und ein Vater wie man ihn sich nur wünschen kann. Beide gehen mit uns auf die Straße,um Straßenkindern von der befreienden und verändernden Liebe Gottes zu erzählen. Wer kann das besser rüber bringen als zwei so tolle Leute, die gerade das erlebt haben: BEI GOTT IST NICHTS UNMÖGLICH!

