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Freitag, 11. Februar 2011

Raue Wirklichkeit



Es klingelt an unserem Tor und noch bevor wir realisieren, wer uns besuchen will, steht die ganze Truppe schon auf unserem Gelände. Jay läuft mit Tränen in den Augen auf einen Mann in der Gruppe zu:"Papa,Papa!" Eine Szene wie in einer kitschigen Drama Serie im Fernsehen, ...nur das dies hier ein echtes Schauspiel ist! Jay`s Vater kam gestern aus dem Knast (ich hatte seine Geschichte schon in anderen Blogeinträgen beschrieben!) Wie ist das möglich? Er hatte doch lebenslang wegen Mordes. Was ich zu hören kriege, verschlägt mir die Sprache. In den Banden im Knast ist es wohl so üblich, dass Bandenmitglieder mit Höchststrafen, andere Delikte von Freunden auf sich nehmen und ihnen somit die Freiheit verschaffen, ohne dass sie mehr dafür büßen müssten (schließlich haben sie schon die Höchststrafe). So kam er frei!

Uuups! Damit hatten wir nicht gerechnet. Natürlich ist Jay überglücklich, seinen Vater zu sehen, der ihn sogar ohne Aufforderung besucht.
Seine Erfahrung bei dem Besuch seiner Mutter letzten Monat, war nicht so erbaulich gewesen. Nachdem er seine Weihnachtsgeschenke, die er von uns bekommen hatte, schön ordentlich in einenem Schuhkarton (ohne Adresse) in die Provinz schicken wollte, wo seine Mutter lebt, wollten wir ihm einem Besuch bei ihr ermöglichen. Ich habe das Kind noch nie so glücklich erlebt wie zu dem Moment, wo ich ihm versprach: du darfst deine Mutter besuchen. Wir finden heraus, wo sie genau wohnt und wir begleiten dich auf der weiten Busfahrt dorthin. So kannst du deine Geschenke, selbst abliefern." Gesagt, getan! Als Jay allerdings mit unserer Sozialarbeiterin von seinem Besuch zurück kam, war alles Glück verschwunden. Er mußte feststellen, dass er nicht erwünscht war. Die Familie des neuen Lebensgefährten und des Vaters der Halbgeschwister, durfte nicht erfahren wie das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Mutter und Sohn wirklich war. Er wurde als kleiner Bruder ausgegeben und konnte nicht einmal das Wort:"Mama!" verwenden. An dem Tag zerbrach einmal mehr eine Illusion von heiler Welt in dem kleinen Jay. Die raue Wirklichkeit setzte ein. Und nun steht der Papa da und will Kontakt zu seinem Sohn. Wie kommen wir durch diese steinige Piste hindurch, ohne noch mehr Schaden anzurichten?