
"Hey Tante," hörte ich eine raue und doch junge Stimme hinter mir her rufen, "nimm mich mit zu dir nach Hause!" Ich drehte mich um und mir fiel im ersten Moment nichts ein, was ich hätte erwidern sollen. "Ich kann doch kein Kind mitnehmen wie einen streunenden Hund!" schoss es mir durch den Kopf. Dann sagte ich in unsicherem Tagalog und nicht ganz überzeugt: "Das geht doch nicht, deine Mama wäre sehr traurig, wenn du nicht mehr bei ihr bist!" "Nö, Tante! Die wäre froh, wir sind sowieso so viele. Die merkt gar nicht, wenn ich nicht da bin!" Solche Situationen waren für mich zu der Zeit noch unglaublich. Wir waren erst ein gutes Jahr auf den Philippinen und ich ging ab und zu mit ein paar Leuten unter eine Brücke, um Straßenkinder kennen zu lernen. Kikay (das heisst übersetzt leichtes Mädchen) war eine der ersten Kinder, mit denen ich etwas Zeit verbrachte. Sie war sieben Jahre alt, frech wie Rotz, immer dreckig und redete wie ein Buch, ihre Stimme klang dunkel und ihr Lachen war unwiderstehlich.
Wir waren zu der Zeit noch nicht soweit, dass wir hätten Kinder aufnehmen können, aber die Vision für das Father`s House wurde in dieser Zeit geboren. Wir merkten, dass es nicht reicht, den Kids schöne Geschichten vom lieben Gott zu erzählen, ihnen noch zu Essen zu geben und dann zu sagen: "Also, wir kommen dann nächste Woche wieder. Schlag dich mal durch!Gott passt schon auf."
Wir hielten Kontakt zu Kikay und als der Tag kam, dass wir Kinder aufnehmen konnten, war sie eine der ersten Kids, die mit uns wohnten. Allerdings war das Jahre nachdem sie mich das erste mal gefragt hatte, ob sie mit mir nach Hause gehen kann. Inzwischen war Kikay ein Teenager und die Jahre auf der Straße hatten ihre tiefen Spuren hinterlassen. Sie lief wieder von uns weg, kam wieder, lief wieder weg und dann kam sie schwanger wieder. Sie war gerade mal 16. Der Vater des Kindes war irgendein Streetboy, der mit dem Kind nix zu tun haben wollte. Wir nahmen Kikay wieder auf und begleiteten sie durch die Schwangerschaft. Mariana war sogar bei der Geburt des Babies dabei. Es war ein süßes Mädchen. Kikay hielt es nicht lange aus und verschwand diesmal samt Kind zum ixten Mal. Wir waren echt enttäuscht, denn wir hatten nach all den Jahren einen Durchbruch bei Kikay erhofft. Jetzt waren sie beide auf der Straße: Mutter und Kind.
Das Loslassen ist eine meiner größten Herausforderungen seit ich in dem Dienst bin. Gleich danach kommt das sich wieder Aufmachen, neu zu glauben und alles zu hoffen. Das geht nur mit dem, der die Liebe selber ist: Gott!
Vor zwei Wochen sass Kikay bei einem Einsatz heulend neben mir am Straßenrand. Mittlereile ist sie eine junge Frau über zwanzig und hat drei Kinder. "Bitte, nimm meine Tochter mit! Sie hat schon viel übles erlebt. Bei euch ist sie sicher und geliebt!" Es ist fast die gleiche Bitte wie vor gut 18 Jahren. Diesmal nicht für sie selbst, sondern für ihre Tochter, die nun fast in dem Alter ist, wie ich Kikay, die Mutter zum ersten mal getroffen hatte. Die Kleine lebt nun seit zwei Wochen mit uns und es wirkt als kenne sie uns genau, denn ihre Mutter hat ihr viel von der Geborgenheit erzählt, die sie einst im Father`s House erfahren hatte.

